Vom Dreikampf zum Duell
Im Januar 2026 hätte man noch wetten können, wie das Rennen um den Terminal-Agenten ausgeht. Claude Code lag vorn, Codex war ein Nischenwerkzeug, Google hatte gerade Antigravity gestartet und mit Gemini CLI den Liebling der Open-Source-Szene im Portfolio. Alles schien offen.
Neun Monate später ist es nicht mehr offen. Der JetBrains Developer Ecosystem Survey 2026 – im August veröffentlicht, Feldphase Mai bis Juli, über 15.000 professionelle Entwickler weltweit – zeichnet ein Bild, das sich kaum anders lesen lässt als: zwei Standards, viele Zuschauer.
- Claude Code: 39 % aller Entwickler weltweit nutzen es, gegenüber 18 % im Januar. In den USA sind es 47 %. 31 % nennen es ihr meistgenutztes Tool, und rund 80 % der regelmäßigen Nutzer machen es zu ihrem primären.
- Codex: 16 %, hoch von 3 % im Januar. Die Bekanntheit sprang von 27 % auf 65 %.
- GitHub Copilot: 21 %, runter von 29 % im Vorjahr.
- Cursor: 12 %, runter von 18 % im Januar.
- Google Antigravity: 6 %. Unverändert – obwohl die Bekanntheit von 29 % auf 47 % gestiegen ist.
- OpenCode: 7 %.
Dazu der Rahmen: 90 % nutzen KI-Coding-Agenten mindestens wöchentlich bei der Arbeit, 68 % täglich. Die Phase „alle probieren alles aus" ist vorbei. Was bleibt, sind zwei Defaults – und ein Konzern mit den besten Zutaten, der trotzdem auf der Stelle tritt.
Wir bei nh labs setzen Claude Code und Codex täglich in Kundenprojekten ein. Dieser Text ist keine Abrechnung mit Google. Er ist der Versuch zu erklären, warum ein Unternehmen mit den stärksten Modellen, eigener Hardware und dem aggressivsten Pricing das Developer-Tool-Rennen gerade verliert.
Wie Claude Code zum Standard wurde
Claude Code hat zwei Dinge früh richtig gemacht, die rückblickend trivial klingen.
Erstens: Terminal zuerst. Während die Konkurrenz Autocomplete in IDEs verfeinerte, war Claude Code von Tag eins ein Agent, der im Terminal lebt – dort, wo auch Git, CI, Docker und Shell-Skripte leben. Das Werkzeug saß nicht neben dem Workflow, sondern mitten drin.
Zweitens: agentisch, nicht assistierend. Nicht „schlag mir die nächste Zeile vor", sondern „erledige diese Aufgabe, lies die Codebase, führ die Tests aus, mach den Commit". Das war 2025 noch ein riskantes Produktversprechen; 2026 ist es das, was alle meinen, wenn sie „Coding-Agent" sagen.
Die Folge im Enterprise war deutlich. Menlo Ventures bezifferte Anthropics Anteil am KI-Coding-Markt in Unternehmen im Dezember 2025 auf 54 %, OpenAI auf 21 %. Bei den gesamten LLM-Ausgaben von Unternehmen lag Anthropic bei 40 %, OpenAI bei 27 %, Google bei 21 % – und Coding machte 51 % der gesamten Gen-AI-Nutzung in Unternehmen aus. Für Claude Code wurde Ende 2025 eine annualisierte Umsatz-Run-Rate von über 2,5 Milliarden US-Dollar berichtet.
Im Februar haben wir in „Von 4 % auf 20 %: Warum Claude Code die GitHub-Welt im Sturm erobert" die SemiAnalysis-Prognose aufgegriffen: damals rund 4 % aller öffentlichen GitHub-Commits, binnen eines Monats verdoppelt, 20 % bis Jahresende als Projektion. Wo stehen wir? Unabhängige Schätzungen von Mitte März lagen bei etwa 10 %. Ob die 20 % bis Dezember fallen, ist offen – plausibel, aber nicht bestätigt. Wir schreiben das bewusst so hin, weil niemand mit einer Zahl argumentieren sollte, die noch nicht gemessen ist.
Wie Codex aufgeholt hat
Die eigentliche Überraschung des Jahres ist nicht Claude Codes Dominanz, sondern dass Codex seinen Anteil in sechs Monaten verfünffacht hat. Von 3 % auf 16 % – das ist kein organisches Wachstum, das ist Distribution.
OpenAI hat Codex nicht als Entwicklertool verkauft, sondern in die ChatGPT-Abos gelegt. Wer ohnehin zahlt, hat Codex. Im Februar 2026 kam die Desktop-App, und von da an ging es steil: Anfang Juni meldete OpenAI über 5 Millionen wöchentlich aktive Nutzer, mehr als das Sechsfache seit dem Desktop-Launch. Noch im April hatte Sam Altman 3 Millionen genannt und ein Token-Wachstum von über 70 % Monat für Monat.
Die interessanteste Zahl ist eine andere: Rund 20 % der Codex-Nutzer sind keine Entwickler. OpenAI positioniert Codex längst nicht mehr als CLI für Programmierer, sondern als allgemeinen Arbeitsagenten, der auch mal Daten aufräumt, Dokumente baut oder ein Skript für die Buchhaltung schreibt. Das ist eine andere Wette als die von Anthropic – breiter, weniger spitz – und sie geht bisher auf.
Als wir im Januar „Claude Code vs. Codex CLI: Ehrliches Anwenderfeedback aus der Praxis" geschrieben haben, war Codex im direkten Vergleich das weniger reife Werkzeug. Das stimmt in Teilen immer noch. Aber Reife war nie der Engpass. Reichweite war es, und die hat OpenAI geliefert.
Was bei Google passiert ist
Jetzt zum schwierigen Teil, denn hier hatte Google eigentlich die beste Ausgangslage von allen.
Im November 2025 startete Antigravity, Googles agentische Desktop-IDE. Parallel war Gemini CLI das, was man einen Open-Source-Liebling nennt: Apache-2.0-Lizenz, über 100.000 GitHub-Stars, mehr als 6.000 gemergte externe Pull Requests. Entwickler haben aktiv mitgebaut. Das ist eine Form von Vertrauen, die man nicht kaufen kann.
Auf der I/O am 19. Mai 2026 kündigte Google die Konsolidierung unter Antigravity an. Am 18. Juni stellte Gemini CLI den Betrieb für kostenlose Accounts, Google AI Pro, Google AI Ultra und individuelle Code-Assist-Konten ein. Enterprise-Lizenzen für Gemini Code Assist Standard und Enterprise sowie bezahlte API-Keys funktionieren weiter – das ist fair zu sagen. Aber für die große Mehrheit der Nutzer, die das Tool groß gemacht hatten, war Schluss. Vier Wochen Vorlauf.
Der Ersatz heißt Antigravity CLI: ein Closed-Source-Binary in Go, Kommando agy. Google sagte selbst, dass es zum Start keine 1:1-Feature-Parität geben werde. Man nimmt also Entwicklern ein offenes Werkzeug weg, das sie mitentwickelt haben, und reicht ihnen ein geschlossenes, das weniger kann.
Was das konkret bedeutet: CI-Pipelines, die gemini aufriefen, brachen. Shell-Skripte, Git-Hooks, Team-Dokumentation – alles musste angefasst werden. Nicht, weil das Modell schlechter geworden wäre, sondern weil der Anbieter die Regeln geändert hat. Der „Google-Graveyard"-Reflex, den jeder Entwickler kennt, bekam ein neues Exponat – und dieses Mal nicht bei einem Consumer-Produkt, sondern mitten in der Toolchain.
Und es war nicht die erste Umstrukturierung. Code Assist, Jules, Gemini CLI, Antigravity, Antigravity 2.0 – vier Rebrands in 18 Monaten. Claude Code war in derselben Zeit ein Produkt mit einem Kommando. Codex auch. Wer alle paar Monate neu lernen muss, wie das Werkzeug jetzt heißt, baut keine Gewohnheit auf. Die JetBrains-Zahlen zeigen genau das: Bekanntheit von 29 % auf 47 %, Nutzung konstant bei 6 %. Die Leute kennen Antigravity. Sie trauen ihm nicht.
Der eigentliche Grund: Developer-Tools sind Gewohnheitsmärkte
Hier liegt der Kern des Arguments, und er hat wenig mit Modellqualität zu tun.
Ein Coding-Agent ist kein Chatfenster, das man wechselt wie einen Browser-Tab. Er sitzt im Terminal, in der CI, in Git-Hooks, in den Konventionen einer CLAUDE.md oder AGENTS.md, in den MCP-Servern, die ein Team über Monate konfiguriert hat. Die Wechselkosten sind Workflow, nicht Modell. Wer ein Jahr lang Prompts, Skripte und Teamregeln um ein Werkzeug herum gebaut hat, wechselt nicht wegen drei Benchmark-Punkten.
Und genau deshalb zählen im Alltag andere Dinge als auf dem Leaderboard:
- Instruktionstreue über lange Sessions. Hält der Agent sich an das, was in der Konfigurationsdatei steht, auch nach zwei Stunden und 40 Tool-Calls? Unabhängige Rezensionen berichteten 2026, dass Gemini CLI in längeren Sitzungen von den Anweisungen abdriftete und Code veränderte, obwohl nur eine Analyse angefragt war. Das ist kein Benchmark-Problem, das ist ein Vertrauensproblem – und es zerstört Gewohnheiten schneller, als jede Rangliste sie aufbaut.
- Verlässlichkeit. Läuft die Nightly-Pipeline morgen noch mit demselben Kommando?
- Preisvorhersagbarkeit. Ein Team von acht Leuten bei 200 € pro Kopf und Monat will im Voraus wissen, ob der Agent nächstes Quartal noch dieselbe Rechnung schreibt.
- Der Anbieter zieht einem nicht den Teppich weg. Das ist seit dem 18. Juni kein abstrakter Punkt mehr.
Ja, in Rezensionen wurden auch Lücken bei SWE-bench Verified zitiert, in der Größenordnung von zehn und mehr Punkten zwischen Gemini und dem führenden Claude-Modell. Aber das ist die unwichtigere Hälfte der Geschichte. Ein Modell, das ein paar Punkte schlechter abschneidet und sich zwei Jahre lang exakt gleich bedienen lässt, gewinnt gegen eines, das besser abschneidet und alle sechs Monate einen neuen Namen trägt.
Die Gegenrechnung: Google ist nicht raus
Wer jetzt „Google hat verloren" liest, zieht die falsche Schlussfolgerung. Die Rohzutaten sind nach wie vor erstklassig, vielleicht die besten im Feld.
Die Gemini-Modelle gehören zur Spitzengruppe, sind günstig und bringen Kontextfenster mit, die für große Monorepos ein echter Vorteil sind. Google betreibt eigene TPUs und ist bei der Hardware weniger abhängig als jeder andere im Feld. Antigravity 2.0, auf der I/O im Mai angekündigt, ist ein ernstzunehmendes Multi-Agenten-Desktop mit parallelen Subagenten, eigenen Workflows und geplanten Hintergrundaufgaben. Jules V2 verfolgt ergebnisbasierte Ziele statt einzelner Aufgaben. Und Google besitzt die Kanäle, die sonst niemand hat: Android Studio, Firebase, Cloud, den Enterprise-Vertrieb über Workspace.
Die Zahlen sind auch nicht überall flach. In Indien liegt Antigravity bei 15 %, gleichauf mit Cursor, hoch von 10 %. Und Enterprise-Kunden von Code Assist wurden nie abgeschnitten – das Unternehmen, das die Rechnung zahlt, hat Google nicht verprellt. Es hat die Community verprellt, die das Unternehmen überzeugt hätte.
Ein Duell im Jahr 2026 kann 2027 wieder ein Dreikampf sein. Die Bedingung ist banal und für Google offenbar schwer: ein Produkt, ein Kommando, 24 Monate stabil. Wenn agy im Herbst 2028 noch agy heißt und tut, was es heute tut, sieht die Umfrage anders aus.
Und die Gegenrechnung hat eine zweite Seite. Ein Markt mit zwei Anbietern ist bequem für die zwei Anbieter. Lock-in und Preismacht sind keine Theorie – wir haben das in „Model Lock-in: Die Abhängigkeit, die keiner einplant" ausführlich durchgespielt. Wer heute auf Claude Code oder Codex setzt, sollte wissen, dass auch diese beiden Preise anheben und Features umbauen werden. Dass Google gerade stolpert, macht die beiden Gewinner nicht zu Wohltätern.
Was das für Teams bedeutet, die jetzt wählen
Aus unserer Praxis ergeben sich vier Regeln.
- Wähle nach Workflow-Fit und Anbieter-Kontinuität, nicht nach Benchmark. Probiere den Agenten zwei Wochen im echten Repo, mit echter CI, mit echten Reviews. Was danach in der Routine klebt, ist das richtige Werkzeug – unabhängig davon, was das Leaderboard sagt.
- Halte deine Konventionen portabel. AGENTS.md und CLAUDE.md sind Textdateien; schreib sie so, dass sie mit einem Umbenennen für das andere Tool funktionieren. MCP-Server sind ein offener Standard – nutz ihn statt proprietärer Plugins. Alles, was mit plain Git arbeitet, überlebt jeden Anbieterwechsel.
- Fahr beide Spitzenreiter, wenn das Budget es zulässt. Wir tun das. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil es die billigste Versicherung gegen Punkt vier ist – und weil die Werkzeuge unterschiedliche Stärken haben, die sich im Review gegenseitig ergänzen.
- Behandle die Agent-CLI als Infrastruktur. Mit derselben Vendor-Risk-Disziplin wie eine Datenbank: Wer ist der Anbieter, wie oft hat er in den letzten 18 Monaten das Produkt umgebaut, was passiert mit unserer Pipeline, wenn er es morgen abkündigt? Diese Fragen hätten jedem Team im Mai 2026 vier Wochen Hektik erspart.
Fazit
Vor neun Monaten sah der Markt für Terminal-Agenten nach einem offenen Rennen aus. Heute haben sich zwei abgesetzt, und zwar nicht, weil ihre Modelle unschlagbar wären. Claude Code hat als Erstes verstanden, dass der Agent ins Terminal gehört und Aufgaben erledigen statt Zeilen vorschlagen soll. Codex hat verstanden, dass Distribution mehr zählt als Feature-Reife. Beide haben verstanden, dass ein Produkt einen Namen braucht und ihn behalten muss.
Google hat die besten Zutaten – Modelle, Hardware, Kontext, Preis, Vertriebskanäle – und hat trotzdem im Juni 2026 das verspielt, was im Developer-Markt am langsamsten wächst und am schnellsten stirbt: Vertrauen. Nicht, weil Gemini schlecht wäre. Sondern weil Entwickler ihre Pipelines nicht auf etwas bauen, das nächstes Jahr anders heißt.
Developer-Tools werden nicht mit Benchmark-Punkten gewonnen, sondern mit Gewohnheit, Kontinuität und Workflow. Wer das versteht, kann 2027 wieder mitspielen. Wer es nicht versteht, hat die besten Modelle der Welt – und niemanden, der sie im Terminal aufruft.